Pierce Wyss

Geboren am 16.6.1969 in Solothurn, Schweiz. Schon als 8jähriger Bub hat er die besondeere Leidenschaft: Salvador Dali und seine Muse Amanda Lear. Von ihr kauft er ihre erste Schallplatte „I am a Photograph“, bis heute bleibt Amanda Lear eine wichtige Inspiration.

Mit 16, gleich nach Schulabschluss, zieht er nach Bern, der nächst grösseren Stadt. Er findet vor allem in der Punk/Gothic und Schwulenszene was ihm gefällt. Eigentlich hat er keine Lust eine Ausbildung zu machen. Sein Tagebuch zeigt eine deutliche Neigung zur Depression. Sein erster Freund empfiehlt ihm eine Lehrstelle als Typograf (heisst später Polygraf), er macht selber diese Ausbildung und ist schon bald fertig. Da eine Stelle als Grafiker nicht zu finden war, entschloss er sich von 1986 bis 1990 die Ausbildung als Typograf zu machen. Keine Ausbildung zu machen würde die elterliche Unterstützung gefährden. Sehr glücklich ist er nicht damit. Der Beruf ist gerade stark im Umbruch. Blei ist Geschichte. Fotosatz entwickelt sich. Die Computer füllen Räume und die Bildschirme sind schwarz mit grüner Schrift. Die vier Jahre ziehen sich in die Länge, aber der Abschluss kam und das Leben konnte weitergehn. Schon seit Jahren hat er nebenbei Sexwork gemacht, es war einfach Kunden zu finden im jugendlichen Alter, trotzdem nahm er eine Stelle an in einer Druckerei, die selbstverwaltet geführt wurde und in der er sich selbst sein konnte, ausserdem arbeitete er zusammen mit freundschaftlichen Künstlern wie etwa Dirk Bonsma. Ein wichtiger Kunde war die Reitschule Bern, die damals noch keine eigene ausgereifte Druckerei besass. Für sie wurden unzählige Konzertplakate gedruckt. In dieser Zeit begann Pierce mehr und mehr zu zeichnen, meist nur Bleistift auf Papier. Er liess sich dabei inspirieren von Musik der Bands wie Coil, Psychic TV, Einstürzende Neubauten, Diamanda Galas, Nick Cave und Lydia Lunch.

Anfang der 1990er-Jahre war Pierce sehr aktiv in der Berner Reitschule. Er gründete mit Coco Lorétan (die damals bekannteste transsexuelle Person der Schweiz, 1992 zeigte das Schweizer Fernsehen den Doku-Film „Traum Frau“ von Paul Riniker) und Jean Cotter (Coiffeur, Maskenbildner und Drag Queen) das Performance-Trio „DerDieDas“. Ihre Performances wurden oft als Störung wahrgenommen, da sie, und das sehr bewusst, mitten in aktiven Dancefloors ihre Aufführungen reindrückten. Ihre Performances waren eine Art lebendige Malerei, dramatisch, provokativ, verwirrend, ein Spiel mit den Geschlechtern. Und es gab meistens einen Soundtrack. Dazu arbeiteten sie mit Daniel Wihler zusammen, der die Samplings und ihre Vorstellung aus fantastische Art zusammenkomponierte.

Er beteiligte sich an Organisation von queeren Parties in der Reitschule und machte zusammen mit Coco Loretan und Jean Cotter als „DerDieDas“ furore. Ihre oft verstörenden, surrealen und sexuell geprägten Auftritte wurden nicht von allen Partyteilnehmern geschätzt, Von 1994 bis -96 besetzte er ein Haus auf dem Obstberg. Einmal eingezogen lockte er einige Freunde es ihm gleich zu tun. Sie nannten es DerDieDas Tuntenhaus. Es war gross und die Räume waren geradezu ideal für Ausstellungen und Parties, und auch für Sexwork war es grossartig, so etwas gab es jedenfalls bisher nicht in Bern.

Seine erste Bilderausstellung war ein Erfolg. Er hatte ausserdem an einem Wettbewerb teilgenommen. In Los Angeles organisierte die Tom of Finland Foundation den Erotic Art Contest. Sein Bild „Kruzifick“ gewann einen Preis uns er wurde eingeladen, an der Erotic Art Fair teilzunehmen. Er befreundete sich mit Rick Castro, welcher auf Fetish und Stricherfotografie spezialisiert war, und er stand für ihn Model, lernte grossartige Künstler wie Ron Athey oder Vaginal Davis kennen, aber auch seltsame Begegnungen wie Kenneth Anger wurden unvergesslich. Es gab Sexwork-Erlebnisse in Hollywood, die ihn dazu bewegten, wieder zurück in die Schweiz zu fliegen. In Bern war das Ende des Tuntenhauses in Sicht, bald wurde es abgerissen. In dieser Zeit war er oft in Berlin und war kurz davor sich dort niederzulassen. Er entschied sich jedoch nach Zürich zu ziehen. Es gab da sozusagen keine Konkurrenz und der Verdienst war durchaus doppelt so hoch. Ausserdem fand er ohne grossen Aufwand eine Wohnung an der Langstrasse, direkt und mittendrin. Dort baute er, was sich die Kunden erträumten. Er hatte sich bald schon einen Namen gemacht in der Schwulenszene, seine Inserate hoben sich ab von den anderen. Er hatte sich vorgenommen, alle 6 Wochen ein neues Inserat zu gestalten, auch Sexwork ist einfältig, wenn er nicht vielfältig ist. Es war ein erfolgreiches Konzept. Zudem war seit 1999 seine Website online: www.pierce.ch. Kunden per Internet zu holen war damals im Sexworkbusiness relativ neu.

Im Jahr 2000 filmt Renè Krummenacher den Dokumentarfilm „Die Akte Pierce“. Er filmt Pierce bei seiner Arbeit, beim Kochen, einkaufen, wie er mit seinem Sklaven zum Bankomat geht und es gibt auch explizite Szenen, es geht schliesslich hauptsächlich um Sexwork. Obwohl auch gefilmt, finden seine Zeichnungen keinen Platz im fertig geschnittenen Film. Die Musik darf Pierce wählen. Er wählt natürlich Coil. Er bekommt auch sofort ohne Umwege und Kosten die Erlaubnis zu benützen was er will. Alles was Coil wollen ist im Abspann erwähnt zu werden. Und gerne eine Kopie des Films zu bekommen. Der Film wird weltweit an diversen queeren Filmfestivals gezeigt.

Als wäre das nicht genug, übernahm er einen schwulen Sex-Club, der am Wochenende geöffnet war. Dieser war natürlich nicht legal und musste einigermassen geheim gehalten werden. Zu erfolgreich war der Club, und er wurde durch die Wirtschaftspolizei nach 3 Monaten geschlossen. Wenn auch pleite, Pierce gab sich dadurch nicht geschlagen.

Er fand bald einen Keller unterhalb eines Ateliers nähe Lochergut, gründete einen Verein um Wirtschaftsgesetze zu umgehen. Einmal Mitglied konnten die Leute einen Beitrag bezahlen, Getränke waren inklusiv. Die Sexparties waren sehr frei und offen, es gab keine Darkrooms. Pierce organisierte bald auch verschiedene Anlässe, ob Ausstellungen oder Konzerte, vor allem gab er die Möglichkeit alternative Musik, vor allem Industrial oder minimal und sehr experimentelles zu spielen oder spielen zu lassen.

In dieser Zeit erhielt er eines Tages ein Mail von Peter Christopherson, auch Sleazy genannt, der eine Kopf von Coil. Pierce hatte den Männern von Coil auch schon Zeichnungen geschickt, oft mit der Bemerkungen, dass diese Bilder „mit Hilfe“ ihrer Musik entstanden sind. Und eben, die Anfrage für den Film. Sleazy wurde auf ihn aufmerksam, weil er bei Rick Castro die Fotos gesehen, hatte, und natürlich war ihm die tätowierte schwarze Sonne aufgefallen, die ihn eindeutig als Coil-Fan identifizierte. Coil hatten seit 1984 keine Life-Shows gegeben, erst 1999 fingen sie an auf die Bühnen zu gehn. Und nun wurde er von Sleazy gefragt, in Leipzig mit Coil zu performen, nackt mit künstlichem Blut übergossen, wenn möglich mit Erektion. John Contreras (Current 93) war sein Blutsbruder. Diese erste Begegnung mit Coil war der Anfang einer grossartigen Freundschaft und es sollten noch einige Shows folgen.

Etwas später lernte Pierce Massimo Vilani kennen. Er war aus Milano gekommen. Die zwei hatten schon Kontakt per Internet, die selben Interessen: Coil, Derek Jarman, Lydia Lunch, Marc Almond. Die zwei verliebten sich schon beim ersten Besuch, Massimo schuf eine neue Website: Black Sun Productions. Von nun an gab es von den zwei allerlei zu sehen. In einer Galerie in Milano zeigten sie eine Fotoserie „Anarcocks“. Sie hatten etwa 30 Fotos von ihren Penissen ausgestellt, alle signiert mit Sperma. Ihre Kunst war hypersexuelll. Absolut. Sie erfanden eine Performance-Serie und kurzzeitliche Installation, ein Ritual das sie „Plastic Spider Thing“ nannten, Insgesamt gab es 23 Teile, in Zürich, Milano, Turin, Luzern und einige mehr. Es gab strikte Regeln, aber ein Publikum war nicht nötig. So ergab sich auch eine sehr private Session im Haus von Coil in Weston-super-Mare (UK).

Coil meldeten sich im Frühling und organisierten eine Tour durch ganz Europa. Sie waren glücklich zu hören, dass er jetzt einen Partner hatte, einen der auch nackt auf die Bühne gehen konnte, sie wollten ein symmetrisches Bühnenbild. Als sie in Zürich spielten war es ihre Premiere. Die Anarcadia-Tour war der Start einer grossartigen Zeit. Von da an waren Massimo und Pierce Coil, so hatte es John Balance ausgedrückt. Nach der Show in Zürichs Rote Fabrik gingen die vier in die StrafBar und vergnügten sich die ganze Nacht. Am nächsten Morgen ging es weiter nach Bologna.

Nun gab es auch Töne von Black Sun Productions. Sleazy ermutigte ihn autodidaktisch Sound zu kreiieren. Eine gute Zeit war das im Vereinigten Königreich, aber es gab auch in Zürich noch einiges zu tun. Als Lydia Lunch nach Zürich kam war es als hätten sie sich schon ewig gekannt. Die Frage: „Was ist dein Plan nach der Show?“ beantwortete sie mit „YOU!“.

Lydia zog nach Barcelona. Massimo und Pierce besuchten sie dort oft. Oder sie hüteten ihre Wohnung und den Kater Buster. Sie waren immer mehr finanziell ausgebrannt, Sexwork war nicht mehr das Richtige, Massimo störte sich immer mehr daran, und Pierce hatte die Kunden auch ziemlich satt. Sie wollten sich der Musik widmen und den Performances, aber das gab nicht das nötige Geld.

Sie waren gerade daran eine Plastic Spider Performance in Genf in der Usine vorzubereiten als HR Giger Pierce anrief. Er brauche dringend Leute in Gruyères in seinem Museum. Die Bar sei im Verzug und es müsste noch dieses und jenes gemacht werden. Pierce und Massimo hatten schon öfters Arbeiten für Giger gemacht. In seinem Garten in Oerlikon musste der Zodiac-Brunnen gereinigt werden, oder die Eisenbahnschienen mussten gejätet werden. Er hatte oft kleinere Arbeiten und manchmal waren es auch offensichtlich Arbeiten, die eher zur finanziellen Unterstützung dienten. Giger war sehr grosszügig. Er hatte meist ein Bündel 1000er-Noten in der Jackentasche und bezahlte oft einen viel zu hohen Lohn, manchmal entschuldigte er sich, dass er es nicht kleiner hatte. Einen Winter lang verbrachten die beiden in Gruyères. Im April 2003 war die Vernissage der Bar, durchaus ein Erfolg. Giger war immer interessiert an den Black Sun Productions, ob Videos oder CD’s. Er wollte immer alles signiert haben. Und natürlich signierte er auch alles was er den beiden schenkte.