
Pierce Wyss: Biografie
Pierce hat sich nie mit Hans Peter identifizieren können, in der Kindheit wurde er oft Bidou genannt, auch von den Eltern. Er konnte keinen Zuammenhang finden. Er hat ausserdem festgestellt, dass es einen Karikaturisten, der im „Nebelspalter“ publizierte, gab, der Hanspeter Wyss hiess. Es konnte einfach nicht sein, dass er so hiess wie einer den es schon gab. Man hätte ihn mit ihm verglichen oder dem Namen einfach zuviel Bedeutung gegeben. So mit 8 etwa wollte er David Lear heissen? Warum wohl? Dann haben wir’s mit Jean-Pierre versucht, o nein, das kam gar nicht gut. … Dann folgte die Phase, wo er Sebastian heissen wollte, heilig mit Wunden und von Pfeilen durchbohrt. Schon süss, aber zu heilig. Geschminkt hat er sich ja schon länger. Die Vampir-Phase brachte ihn auf einen neuen Namen . Er las den Roman „Carmilla, der weibliche Vampir“. Eines Abends an der Münstergasse in Bern veranstaltete er mit seinem damaligen Freund eine Drag Show. Er nannte sich „Carmilla“ an diesem Abend. Es war eine gute und kreative Zeit, und wir schauten uns gute Filme an. Peter Greenaway’s „Prosperos Books“ Ich liebte ihn, Caliban, das klingt wunderbar? Carmilla Caliban Cock. So heisst sonst niemand! Ach ja, Cock wegen dem Hahn, den er im Jahr 1969 im chinesischen… Ok, soweit zum Namen, oder zu den Namen. Pierce. Brosnan? Nein. Jeffrey Lee- … no! So. Pierce was born to celebrate pleasure!

Geboren am 16.6.1969 in Solothurn, Schweiz. Schon als 8jähriger Bub hat er die besondere Leidenschaft: Salvador Dali und seine Muse Amanda Lear. Von ihr kauft er ihre erste Schallplatte „I am a Photograph“, bis heute bleibt Amanda Lear eine wichtige Inspiration. Zu diesem Fundament gehören auch Dalis Bilder, seine übertriebene Exzentrik ermutigen Pierce, das zu tun was er will, sich zu kleiden wie er will. Alles ist erlaubt. Mann sein allein ist zu langweilig. Regeln, die ihm keinen Sinn machen, werden verweigert oder entsorgt. Er liebt Nina Hagen, ihre Texte kann er schon auswendig. Dann entdeckt er Coil, dank seiner raffinierten Cousine. Sie hat ihm auch die Virgin Prunes schmackhaft gemacht. Er entdeckt Diamanda Galas und Lydia Lunch, Nick Cave, Marc Almond und Foetus. Sie bleiben sein Leben lang unverzichtbar. Seit er 2002 Lydia Lunch persönlich kennenlernt, sind sie beste Freunde.
Anfang der 1990er-Jahre war Pierce sehr aktiv in der Berner Reitschule. Er gründete mit Coco Lorétan (die damals bekannteste transsexuelle Person der Schweiz, 1992 zeigte das Schweizer Fernsehen den Doku-Film „Traum Frau“ von Paul Riniker) und Jean Cotter (Coiffeur, Maskenbildner und Drag Queen) das Performance-Trio „DerDieDas“. Ihre Performances wurden oft als Störung wahrgenommen, da sie, und das sehr bewusst, mitten in aktiven Dancefloors ihre Aufführungen reindrückten. Ihre Performances waren eine Art lebendige Malerei, dramatisch, provokativ, verwirrend, ein Spiel mit den Geschlechtern. Und es gab meistens einen Soundtrack. Dazu arbeiteten sie mit Daniel Wihler (heute: Alphatronic) zusammen, der die Samplings und ihre Vorstellung auf fantastische Art zusammenkomponierte. Von 1994 bis -96 besetzte Pierce ein Haus auf dem Obstberg in Bern. Einmal eingezogen lockte er einige Freunde es ihm gleich zu tun. Sie nannten es DerDieDas Tuntenhaus. Es war gross und die Räume waren geradezu ideal für Ausstellungen und Parties, und auch für Sexwork war es grossartig, so etwas gab es jedenfalls bisher nicht in Bern.

Seine erste Bilderausstellung war ein Erfolg. Er hatte ausserdem an einem Wettbewerb teilgenommen. In Los Angeles organisierte die Tom of Finland Foundation den Erotic Art Contest. Sein Bild „Kruzifick“ gewann einen Preis uns er wurde eingeladen, an der Erotic Art Fair teilzunehmen. Er befreundete sich mit Rick Castro, welcher auf Fetish und Stricherfotografie spezialisiert war, und er stand für ihn Model, lernte grossartige Künstler wie Ron Athey oder Vaginal Davis kennen, aber auch seltsame Begegnungen wie Kenneth Anger wurden unvergesslich. Es gab Sexwork-Erlebnisse in Hollywood, die ihn dazu bewegten, wieder zurück in die Schweiz zu fliegen. In Bern war das Ende des Tuntenhauses in Sicht, bald wurde es abgerissen. In dieser Zeit war er oft in Berlin und war kurz davor sich dort niederzulassen. Er entschied sich jedoch nach Zürich zu ziehen. Es gab da sozusagen keine Konkurrenz und der Verdienst war durchaus doppelt so hoch. Ausserdem fand er ohne grossen Aufwand eine Wohnung an der Langstrasse, direkt und mittendrin. Dort baute er, was sich die Kunden erträumten. Er hatte sich bald schon einen Namen gemacht in der Schwulenszene, seine Inserate hoben sich ab von den anderen. Er hatte sich vorgenommen, alle 6 Wochen ein neues Inserat zu gestalten, auch Sexwork ist einfältig, wenn er nicht vielfältig ist. Es war ein erfolgreiches Konzept. Zudem war seit 1999 seine Website online: www.pierce.ch. Kunden per Internet zu holen war damals im Sexworkbusiness relativ neu.


Im Jahr 2000 filmt Renè Krummenacher den Dokumentarfilm „Die Akte Pierce“. Er filmt Pierce bei seiner Arbeit, beim Kochen, einkaufen, wie er mit seinem Sklaven zum Bankomat geht und es gibt auch explizite Szenen, es geht schliesslich hauptsächlich um Sexwork. Obwohl auch gefilmt, finden seine Zeichnungen keinen Platz im fertig geschnittenen Film. Die Musik darf Pierce wählen. Er wählt natürlich Coil. Er bekommt auch sofort ohne Umwege und Kosten die Erlaubnis zu benützen was er will. Alles was Coil wollen ist im Abspann erwähnt zu werden. Und gerne eine Kopie des Films zu bekommen. Der Film wird weltweit an diversen queeren Filmfestivals gezeigt.
Als wäre das nicht genug, übernahm er einen schwulen Sex-Club, der am Wochenende geöffnet war. Dieser war natürlich nicht legal und musste einigermassen geheim gehalten werden. Zu erfolgreich war der Club, und er wurde durch die Wirtschaftspolizei nach 3 Monaten geschlossen. Wenn auch pleite, Pierce gab sich dadurch nicht geschlagen.
Er fand bald einen Keller unterhalb eines Ateliers nähe Lochergut, gründete einen Verein um Wirtschaftsgesetze zu umgehen. Einmal Mitglied konnten die Leute einen Beitrag bezahlen, Getränke waren inklusiv. Die Sexparties waren sehr frei und offen, es gab keine Darkrooms. Pierce organisierte bald auch verschiedene Anlässe, ob Ausstellungen oder Konzerte, vor allem gab er die Möglichkeit alternative Musik, vor allem Industrial oder minimal und sehr experimentelles zu spielen oder spielen zu lassen.
In dieser Zeit erhielt er eines Tages ein Mail von Peter Christopherson, auch Sleazy genannt, der eine Kopf von Coil. Pierce hatte den Männern von Coil auch schon Zeichnungen geschickt, oft mit der Bemerkungen, dass diese Bilder „mit Hilfe“ ihrer Musik entstanden sind. Und eben, die Anfrage für den Film. Sleazy wurde auf ihn aufmerksam, weil er bei Rick Castro die Fotos gesehen, hatte, und natürlich war ihm die tätowierte schwarze Sonne aufgefallen, die ihn eindeutig als Coil-Fan identifizierte. Coil hatten seit 1984 keine Life-Shows gegeben, erst 1999 fingen sie an auf die Bühnen zu gehn. Und nun wurde er von Sleazy gefragt, in Leipzig mit Coil zu performen, nackt mit künstlichem Blut übergossen, wenn möglich mit Erektion. John Contreras (Current 93) war sein Blutsbruder. Diese erste Begegnung mit Coil war der Anfang einer grossartigen Freundschaft und es sollten noch einige Shows und noch viel mehr folgen.
Etwas später lernte Pierce Massimo kennen. Er war aus Milano gekommen, an eine Party in der strafBar. Die zwei hatten schon Kontakt per Internet, die selben Interessen: Coil, Derek Jarman, Lydia Lunch, Marc Almond. Die zwei verliebten sich schon beim ersten Besuch, Massimo schuf eine neue Website: Black Sun Productions. Von nun an gab es von den zwei allerlei zu sehen. In einer Galerie in Milano zeigten sie eine Fotoserie „Anarcocks“. Sie hatten etwa 30 Fotos von ihren Penissen ausgestellt, alle signiert mit Sperma. Ihre Kunst war hypersexuell. Absolut. Sie erfanden eine Performance-Serie und kurzzeitliche Installation, ein Ritual, das sie „Plastic Spider Thing“ nannten, Insgesamt gab es 23 Teile, in Zürich, Milano, Turin, Luzern und einige mehr. Es gab strikte Regeln, aber ein Publikum war nicht nötig. So ergab sich auch eine sehr private Session im Haus von Coil in Weston-super-Mare (UK).
Coil meldeten sich im Frühling und organisierten eine Tour durch ganz Europa. Sie waren glücklich zu hören, dass er jetzt einen Partner hatte, einen der auch nackt auf die Bühne gehen konnte, sie wollten ein symmetrisches Bühnenbild. Als sie in Zürich spielten war es ihre Premiere. Die Anarcadia-Tour war der Start einer grossartigen Zeit. Von da an waren Massimo und Pierce Coil, so hatte es John Balance ausgedrückt. Nach der Show in Zürichs Rote Fabrik gingen die vier in die StrafBar und vergnügten sich die ganze Nacht. Am nächsten Morgen ging es weiter nach Bologna. Sie fuhren mit dem Tourbus mit Coil durch ganz Europa bis sie eines Tages in Weston-Super-Mare im alten viktorianischen Haus auf dem Temple Hill ankamen..
Bald gab es auch Töne von Black Sun Productions. Sleazy ermutigte ihn autodidaktisch Sound zu kreiieren. Eine gute Zeit war das im Vereinigten Königreich, aber es gab auch in Zürich noch einiges zu tun. Als Lydia Lunch nach Zürich kam war es als hätten sie sich schon ewig gekannt. Die Frage: „Was ist dein Plan nach der Show?“ beantwortete sie mit „YOU!“.
Lydia zog damals nach Barcelona. Massimo und Pierce besuchten sie dort oft. Oder sie hüteten ihre Wohnung und den Kater Buster. Sie waren immer mehr finanziell ausgebrannt, Sexwork war nicht mehr das Richtige, Massimo störte sich immer mehr daran, und Pierce hatte die Kunden auch ziemlich satt. Sex war etwas Wertvolles geworden, etwas dass man nicht kaufen konnte, etwas was sie nicht für dreckiges Geld verschachern wollten. Sie wollten sich der Musik widmen und den Performances, den Sex für sich behalten. Aber das gab nicht das nötige Geld.
Sie waren gerade daran eine Plastic Spider Performance in Genf in der Usine vorzubereiten als HR Giger Pierce anrief. Er brauche dringend Leute in Gruyères in seinem Museum. Die Bar sei im Verzug und es müsste noch dieses und jenes gemacht werden. Pierce und Massimo hatten schon öfters Arbeiten für Giger gemacht. In seinem Garten in Oerlikon musste der Zodiac-Brunnen gereinigt werden, oder die Eisenbahnschienen mussten gejätet werden. Er hatte oft kleinere Arbeiten und manchmal waren es auch offensichtlich Arbeiten, die eher zur finanziellen Unterstützung dienten. Giger war sehr grosszügig. Er hatte meist ein Bündel 1000er-Noten in der Jackentasche und bezahlte oft einen viel zu hohen Lohn, manchmal entschuldigte er sich, dass er es nicht kleiner hatte. Einen Winter lang verbrachten die beiden in Gruyères. Im April 2003 war die Vernissage der Bar, durchaus ein Erfolg. Giger war immer interessiert an den Black Sun Productions, ob Videos oder CD’s. Er wollte immer alles signiert haben. Und natürlich signierte er auch alles was er den beiden schenkte.

Für das Brecht-Album „OperettAmorale“ zeichnete Giger das Cover, er sprach auch ein paar Worte, natürlich das „wenn der Kopf fällt sage ich hoppla“… Pierce hat später noch ein Stück komponiert mit Gigers Stimme, er hatte selbst sehr seltsame Tapes aufgenommen, raunen, schwerer Atem, husten, fauchen… Pierce nannte den Track „How To Destroy Aliens“ (Coil’s erste Aufnahme hiess „How To Destroy Angels). Coil hatten für dieses Album „A List of Wishes“ (Orge’s Wunschliste) aufgenommen. Auch Lydia Lunch sprach Brecht: „The Ballad Of Sexual Dependency“. Ausserdem waren Musiker aus Turin sehr wichtig für all die Studioaufnahmen, von Fabrizio Modonese Palumbo produziert unterstützt vom Slow Club Orchestra. Das Album erschien leider erst nach John Balance’s Tod. Die letzte Zeile im Song war. „Of Deaths the Rapid“. Dieser Wunsch ging in Erfüllung. Er fiel betrunken über dqw Treppengeländer und fiel 5 Meter in die Tiefe.
Pierce und Massimo waren gerade in Italien und begleiteten Lydia auf Tour. Sleazy’s Nachricht erschütterte sie erbarmungslos. John Balance war tot. Sein Alkoholkonsum war enorm, und wir alle wussten, dass dies irgendwann mal passieren könnte. Eigentlich war es schon ein Wunder, dass nicht schon vorher etwas geschah. Er war ein wilder Mann, kam manchmal mit einem blauen Auge nach Hause oder Hämatomen, wusste nicht mehr was geschah. Es war hart ihn gehen zu lassen. Sein Sarg fühlte sich unheimlich schwer an.
Pierce und Massimo zogen zurück nach Zürich. Peter Christopherson verkauft das Haus in Weston-Super-Mare und zog nach Thailand. Er wolle nun in eine andere Welt ziehen, weg von England.
Pierce fand einen Job in Zürich. Er betreute und pflegte Schwersüchtige und Obdachlose im „Sune-Egge“, ein Spital gegründet von Pfarrer Ernst Sieber. Das war hart und intensiv, aber machte Sinn. Bald schon konnte er auch für Massimo einen Job vermitteln, die Hauswirtschaft suchte immer wieder Leute.
Sie machte nebenbei immer wieder Musik, kleine Shows da und dort. Ein grossartige Verbindung war Val Denham, Malerin und Musikerin. Die meisten CD-Covers von Black Sun Productions wurden von ihr gemalt. Das Album „Somewhere Between Desire and Despair“, wir haben es das grüne, oder das Absinth-Album genannt… Val machte die meisten Texte, Pierce die Musik. Eine einzige Live-Show gab es in Biel and einem Trans-Festival.
Pierce begann auch wieder vermehrt zu malen. Black Sun Productions brannten kleine Auflagen von CD’s mit manchmal 30 Kopien, alle Cover handgemalt. Sperma war inzwischen schon ein etabliertes Farbmittel geworden, Massimo und Pierce hatten inzwischen schon ein ganzes Buch mit Sperma gefüllt. Sie brauchten es als Orakel, und besonders mit Hilfe von psychedelischen Substanzen sahen sie im Buch die Parallelwelt. DMT war gestern…
Bruce LaBruce kam im Frühling 2009 nach Zürich und bekam das Theater Neumarkt, um nach 2wöchiger Probezeit das Stück „Macho Family Romance“ aufzuführen. BlackSunProductions erstellten in engmaschiger Zusammenarbeit mit Bruce den Soundtrack, eine Soundcollage mit Musik , Filmausschnitten, Kriegslärm, Samplings von Bomben und MG’s.
BruceLaBruce hatte in seinem Film „Otto, or up with dead people“ Musik von Black Sun Productions verwendet, ein unendlich vielfältiger und reichhaltiger Soundtrack war es. Mikkael Karlsson, klassischer Musiker und Komponist, auch auf dem Soundtrack, hat Pierce und Massimo dann angefragt, etwas zusammen zu machen. Es entstand „Phantasmata Domestica“, eine düstere Aufnahme, mit klassischen Instrumenten gespielt und einigen Freunde die grossartige Beiträge gaben, Lydia Lunch, Othon Mataragas, aber auch die Streicher waren unglaublich.
Black Sun Production verfielen in Depression und Wut. Pierce hielt sich erst mit Substanzen motiviert, aber dann verfiel er den Opiaten, zu gross war der Schmerz. Massimo und Pierce trennten sich. Man hatte sich nichts mehr zu sagen. Pierce zog erstmal ein paar Monate nach Montmort im Burgund, Frankreich, und pflegte Pferde auf einem Hof mit Neigung zum Gnadenhof. Der Hof gehörte Freunden aus Zürich und sie lebten dort schon einige Jahre. Als Pierce wieder in die Schweiz reiste, trennte er sich von Massimo. Er wollte nicht mehr in Zürich bleiben, hatte aber keinen Plan. Er war erstmal mehr oder weniger obdachlos einen Sommer lang. Dann blieb er öfter bei einem Freund in Biel/Bienne, der dort ein Tattoostudio besass. Einige der Tattoss, die Pierce hat, wurden von ihm gestochen. Pierce selbst liess das Tättowieren schon bald lieber sein, es war einfach nicht seine Stärke. Er mietete eine winzige Wohnung in der Bieler Altstadt, begann ein Substitutionsprogramm weil es so nicht weitergehen konnte. Er traf die Drucker-Freunde, mit denen er in den 90er Jahren gearbeitet hatte und sie stellten ihn gleich ein, aber nicht in der Grafik, als Allrounder, Schneiden, Falzen, Versand und so. Nicht gerade der Hammer, aber er brauchte die Kohle. Diese gab er jedoch oft gleich wieder aus. Er hasste die Substitution, die so rauschlos war wie ein Glas Wasser.
In diesem Winter kam dann die Nachricht, dass Peter Sleazy Christopherson verstorbern ist. In Bangkok, friedlich, im Schlaf, mit einem Lächeln, hiess es. Er war fassungslos. Coil fehlten ihm unendlich.
Es folgten diverse Aufenthalte in Psychiatrischen Kliniken. Vor allem war es erst eine schwere Depression, dann Bipolar, die Gravitation war zu stark, immer wieder Cluster-Headache. Dann zusätzlich ein erster Bandscheibenvorfall. Er ging trotz allem oft malen. Die Kunstwerkstatt Waldau bot ihm die Möglichkeit einer Bilderausstellung, „Kaleidoskopia“, Bilder die in der Tagesklinik entstanden.
Zwischendurch ging es besser. Jede Bewegung, der kleinste Widerstand gegen das schwarze Loch war ein Erfolg. Die Wohnsituation war traurig, ein Wechsel war dringend erwünscht. Pierce bekam inzwischen Sozialhilfe und der Staat bemühte sich ihn einzugliedern was sich wiederum schlecht gegenüber der Depression verhielt. Ein beschissener Kampf. Denn wenn das mit der Kunst zur Sprache kam, hiess es überall, dass wenn es nicht verkauft wird, es auch nichts bringt, keinen Wert hat. Alles pornografische war dort geächtet.
2013 gab es dann die Ausstellung „Porn Again!“ im Museum of Porn in Art in Zürich. Das war auch gut fürs Gemüt. Auch wenn das Museum „nur“ eine Weinstube ist, die sich unter einem ehemaligen Pornokino befindet, immerhin zieht Zoë das schon seit Jahren durch. Eine coole Sache, denn Sexualität und Pornografie in der Kunst ist eine alte Geschichte. Geschlechtsteile zensurieren ist ein Unding.
Zufällig traf er einen alten Freund. Der hatte ein altes Bauernhaus in Rüplisried, ein winziges Dorf das zur Gemeine Mühleberg westlich von Bern gehört, renoviert und bewohnbar gemacht. Er suchte Leute für seine Wohngemeinschaft. Pierce war begeistert, zog sofort ein und wohnt und arbeitet nun schon 13 Jahre dort. Letzten Sommer machten er und seine Mitbewohner eine Ausstellung am Ort. Viele der Kunstwerke hängen rund ums Haus. Teilweise schon eingewachsen und reichlich bewohnt. Insekten, Vögel, Würmer und viele Spinnen. Amseln haben sich eingenistet neben einem Ziegenschädel, der in einem Ring aus Ästen den Kiefer aufsperrt.

Pierce hat die Neon- und Schwarzlichtfarben entdeckt und es scheint sie machen ihn geradezu süchtig. Ob diese noch bewohnt werden, wird sich zeigen. Vielleicht sind diese Farben zu aggresiv und ein Holzwurm findet den Geschmack widerlich. Es braucht Freiheit, aber eine gewisse Regelung will Pierce behalten. Ohne Leim ist das Gestalten sehr eingeschränkt. Ohne Farben ist durchaus möglich, manchmal auch besser, je nach Holz und Form. Die Tiere bringen ihren Teil zur Kunst dazu, ein Vogelnest, Wurmlöcher, Wespennester

Es sind also nicht alle Werke geeignet in Galerien zu zeigen, manche können auch gar nicht mehr transportiert werden, eingewachsen oder zu sehr besetzt. Zu den früher gemalten Bildern und Zeichnungen kamen also in den letzten Jahren einige neue Werke dazu. Reliefbilder und einzigartige Skulpturen, Eisenplastiken, meistens aus Materialien, die schon im Müll landeten oder Organisches, aus der Umgebung, Holz, Knochen. Das „Mausoleum“ beinhaltet eine Menge tote Mäuse, sie verfaulen auf leuchtenden kleinen Kissen. Manchen packt der Ekel, besonders als der Gestank noch deutlich war. Andere sehen die Schönheit und Vielfalt des Zerfalls.

Lydia Lunch
and
A Kaleidoscope of Nothingness
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OPENING
Thursday, 14 May 2026 from 5pm
8pm – LYDIA LUNCH, Solo Performance
9pm – NADJA ZELA & DEJAN GACOND, Music and Words
… Music until Midnight by BLUE GIRL
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The exhibition runs from
14 May 2026 to 18 July 2026
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